Erlebnisse unserer Volontärin Katharina

Erlebnisse unserer Volontärin Katharina
17. February 2011 0
Veröffentlicht in: Lebensgeschichten

Mein Name ist Katharina, ich bin 29 Jahre alt und mache zur Zeit ein sechsmonatiges Volontariat in Delhi. Hätte man mir noch vor einem Jahr erzählt, dass ich meinen Job aufgeben werde, um ein Volontariat in Delhi zu machen, hätte ich es nicht geglaubt. Doch manchmal kommt alles anders als man denkt. Und ich bin sehr froh darüber…

Vor etwa einem Jahr bin ich von einer Trekking-Tour in Ladakh zurückgekommen. Die letzten beiden Tage der Reise haben wir in Delhi verbracht. Die Armut in Delhi hat mich zutiefst schockiert. Ich habe vorher schon Slums gesehen, doch die Zustände in Delhi sind weitaus dramatischer. Menschen leben hier nicht nur in Armut, sondern sterben offen auf der Straße.

Nach meiner Rückkehr in Deutschland ließen mich die Bilder von den mit verwahrlosten Kindern und körperlich deformierten Bettlern bevölkerten Bürgersteigen Delhis nicht mehr los. Ich durchforstete das Internet nach Organisationen, die etwas für diese Menschen tun und entdeckte dabei Sewa Communities. Die Philosophie von Sewa Communities überzeugte mich gleich. Ich fand viele Organisationen, die Patenschaften für Kinder in Indien anbieten und so das Schulgeld bezahlen. Doch wer hilft den Obdachlosen Delhis, die auf der Straße um ihr Überleben kämpfen?

Und so kam ich zu einer Patenschaft bei Sewa Communities, ein Projekt, so wie ich es gesucht hatte und das ich gerne unterstützen wollte. Auch las ich von der Möglichkeit ein Volontariat in Delhi zu machen und aktiv mithelfen zu können. Zwar war ich von der Idee sehr angetan, hielt sie jedoch für nicht realisierbar. Schließlich hatte ich einen festen Job und hatte gerade meine Promotion angefangen. Den Luxus mir eine Auszeit zu nehmen, hatte ich aus meiner Sicht mit dem Start in das Berufsleben unmittelbar nach Abschluss meines Studiums vertan.

Wie viele meiner Generation, strebte ich nach Karriere. Mein Studium habe ich in Rekordzeit durchgezogen und so konnte ich mich bereits mit 24 Diplom-Mathematikerin nennen. Danach stürzte ich mich ohne Pause in die Arbeitswelt. Aufgrund der immensen Arbeitslosenrate und dem Wunsch nach einem guten Job habe ich wahrscheinlich wie so viele vergessen, mir mal eine Pause zu gönnen. Zu Beginn der Wirtschaftskrise wurden viele Mitarbeiter meiner Firma entlassen. Natürlich machte ich mir Gedanken, was ich in diesem Fall tun würde. Das Volontariat kam mir wieder in den Sinn und für mich stand fest, dass ich im Falle einer Kündigung gerne nach Delhi gehen würde. Doch ich wurde nicht entlassen. Als ich immer ausgebrannter und unzufriedener in meinem Job wurde, reifte dann die Idee: Wenn ich gerne als Volontärin arbeiten möchte, dann sollte ich das einfach tun! Danach ging alles ganz schnell: meinen Job habe ich gekündigt, meine Wohnung aufgegeben und schon saß ich im Flieger nach Delhi.

Anfangs habe ich mir Sorgen gemacht, wie es nach meiner Zeit in Delhi sein wird. Werde ich einen Job finden? Und wo werde ich arbeiten? Das sind jedoch Sorgen und Zwänge, die wir Deutschen uns manchmal zu viel auferlegen. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich wieder einen Job finden werde, und zudem habe ich den Luxus aus Deutschland zu kommen, einem Staat in dem man sich nicht fürchten muss auf der Straße zu verhungern.

Nun bin ich seit vier Monaten hier und unterrichte die Kinder in Mathematik und Informatik. Rückblickend kann ich sagen, dass die Entscheidung hierher zu kommen, eine wundervolle Entscheidung war. Ich genieße jeden Tag hier und habe in der bisherigen Zeit so unendlich viel erleben und lernen können. Die Erfahrung, in dieser Gemeinschaft zu leben und ein Teil von ihr zu sein, ist unbeschreiblich schön. Eine Gemeinschaft, für die in einem nach Karriere und Geld strebenden Land wie Deutschland immer weniger Platz zu sein scheint.

Viele Menschen, die von meinem Volontariat gehört haben, sprechen von Neid. Sie sagen, sie beneiden mich um die Möglichkeit hier zu sein. Ich kann nur sagen, fast jeder hat diese Möglichkeit. Man muss sie nur wahrnehmen!

Katharina Ernst

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