Rückblick unserer Volontärin Gigi

Rückblick unserer Volontärin Gigi
1. November 2011 0
Veröffentlicht in: Lebensgeschichten

„Alles ist für die indischen Patienten bereit gestellt. Sie bekommen Essen, Medikamente, neue Kleidung, Aufmerksamkeit und Liebe… die freiwilligen Helfer – also die westlichen Patienten – haben auch ihre Bedürfnisse.“

So etwas in dieser Art soll der Gründer des Sewa Ashram, Ton Snellaert, einmal gesagt haben. Ich mochte den Vergleich zwischen den indischen und westlichen Patienten überhaupt nicht. Generell gefiel mir die Bezeichnung „Patient“ nicht, da es die Vorstellung von einem hierarchischen System in meinem Kopf füttert, welches ich auszuradieren versuche. Ich bevorzugte da eher für mich den Begriff „Gast, der sich erholen muss“. In meinen Augen musste ich mich aber von nichts erholen. Mich irritierte dieser Vergleich: Schließlich war ich eine hoch motivierte Absolventin einer christlichen Ausbildung in Deutschland, und ich fühlte den Ruf nach Indien sehr klar in meinem Herzen. Ich war so gespannt zu sehen, wie Gott mich im Sewa Ashram benutzen wollte. Ich stellte mir eine romantische „Missionsreise“ vor, die im April 2010 starten sollte und noch kein geplantes Ende hatte. Und ja… etwas Großartiges erwartete mich auch, aber ich merkte schnell, dass es meine Vorstellungen übertraf. Ich lernte, dass ich nicht in den Ashram gekommen war, um den indischen Brüdern und Schwestern den Weg zu zeigen, sondern um ihn vielmehr mit ihnen zusammen zu suchen.

Eine essentielle Wahrheit, die sich mir ins Herz gebrannt hat, ist: Jesus in den Menschen um mich herum zu suchen und wahrzunehmen. Ich konnte mich darin üben und ich fühlte mich zuhause, obwohl der Alltag in Indien so anders läuft, als ich es aus Deutschland gewohnt bin.

Ich bin so dankbar für diese 6 Monate, in denen ich wohl eine Grundlage des Lebens lernen durfte: Wenn wir die Parameter weglassen, mit denen wir so gerne die Menschheit einteilen (Sprache, Kultur, Alter, sozialer Hintergrund, Religion), dann stellen wir fest, dass wir doch im Kern alle gleich sind. Wir alle haben ein Herz, das sich sehnt zu lieben, und in gesunder Beziehung zu anderen Herzen zu leben.

In Indien durfte ich einen kleinen Einblick in die Dimension nehmen, die hinter dieser Wahrheit steckt. Es geht so leicht über die Lippen, zu sagen: “Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst”. Aber irgendwie ist in mir erst in Indien der Groschen hinsichtlich dieser Nächstenliebe gefallen.

Natürlich waren die Momente, in denen alle persönlichen Grenzen zwischen mir und einer anderen Person verschwammen, nicht an der Tagesordnung aber sie zogen sich wie ein roter Faden durch meine Zeit dort. Und das hielt mich 6 Monate am Laufen – diese Momente sind mir wie Diamanten, die ich in der Schatzkiste in meinem Herzen trage und nicht missen möchte.

Solche Diamanten waren: Menschen, die ich in den Tod begleiten durfte; Kinder, mit denen ich auf der Straße rumtobte; ihre Mütter, die mich aufforderten mit ihnen „Jesuslieder“ zu singen; Frauen, die ich im Zug traf und die mich einluden, im Zugabteil mit ihnen zu trommeln und uns gegenseitig Lieder beizubringen; Männer aus dem Ashram, die mich mit auf ihre Reise nahmen und mir aus ihrem Leben erzählten – und von den Lebensweisheiten, die sie erlangt hatten.

In der Bibel steht, dass Gott Freude in uns wachsen lässt – und ja, ich glaube, ich spürte Freude in reinster Form in diesen besagten Momenten; auf Augenhöhe. Ich fing an zu verstehen, dass wir doch alle irgendwie ein wenig krank sind und des Doktors unserer Seelen bedürfen.

Vor ein paar Wochen ist mein biologischer Vater gestorben und ich glaube, ich hätte nicht die Kraft gehabt, ihn in den Tod zu begleiten, wenn ich nicht in Indien schon auf so intensive Weise mit dem Tod konfrontiert gewesen worden wäre. Und wohl öfter, als wir wirklich glauben, bedeutet zu sterben zu leben. Danke Jesus und danke an meine Familie in Indien.

Gigi „didi“

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