Wahre Liebe

Wahre Liebe
25. April 2012 0
Veröffentlicht in: Lebensgeschichten

Es passt einfach nicht in eine kleine, niedliche Schublade. Es zeigt sich nicht durch eindrucksvolle Gesten und ergreifende Proklamationen, im Gegensatz zu unserer falschen kulturellen Darstellung. Wahre Liebe tut weh. Sie erfordert Opfer und Selbstaufgabe. Stolz muss geschluckt und das eigene Ego Tag für Tag bekämpft werden. Die Bedürfnisse des Anderen gilt es höher zu achten als die eigenen. Was für eine entmutigende, abschreckende Aussicht!

Die Liebe von Eltern für ihr Kind ist leicht. Diese uneingeschränkte Liebe erfahren die meisten von Anfang an. Aber was ist mit unseren Freunden? Unserer Familie? Was ist mit Fremden? Oder schlimmer, was ist mit unseren Feinden?

The staffers at Sewa Ashram embody the call of Christ – “washing one another’s feet” (and arms and legs) on a daily basis.

Mitarbeiter im Sewa Ashram bei der buchstäblichen täglichen Umsetzung von Jesu Aufruf “wascht einander die Füße” (und Arme und Beine).

Liebe in Aktion

Hier im Sewa Ashram bin ich umgeben von Liebe. Manche Beispiele, die ich tagtäglich sehe, lassen mich in Ehrfurcht erstarren. Sie inspirieren mich. Und sie beschämen mich.

Ich verblasse hier neben diesen Riesen der Liebe und ich kann es nicht mit ihnen aufnehmen. Ich sehe Menschen, wie sie sich mit einer Einstellung um andere kümmern, die man nur als göttlich bezeichnen kann und welche ungeheuerliche Aussagekraft sich in den kleinsten Handlungen wiederfindet. Die kleinsten Gesten haben großen Einfluss, sie geben den Patienten einen erneuerten Sinn für sich selbst. Was kann ich schon tun, wenn ich einen Patienten, der an den Rollstuhl gefesselt ist, dabei beobachte, wie er geduldig den Mann füttert, der jetzt an sein Totenbett gefesselt ist? Wie komme ich mit dem fröhlichen Ausdruck auf dem Gesicht eines Mitarbeiters klar, der damit beschäftigt ist die Urinflaschen zu reinigen, nachdem er sie von den Patienten eingesammelt hat?

The smallest gestures have the greatest impact, giving patients a renewed sense of self.

Auch kleine Gesten haben große Bedeutung und geben den Patienten ein neues Selbstwertgefühl.

Egal wohin ich mich hier im Ashram wende, sehe ich Liebe in Aktion. Ich sehe Mitarbeiter, wie sie die Körper von erwachsenen Männern waschen, welche besudelt sind mit allem erdenkbaren Schmutz. Ich sehe, wie klaffende, eiternde Wunden verheilen. Ich beobachte, wie die wirren Bärte, die von einem Leben auf der Straße zeugen, sauber rasiert werden. Ich erhasche einen Blick auf einen Mitarbeiter, der eine Decke holt und sie um einen Patienten wickelt, der die morgendliche Kälte spürt. Ich sehe, wie drei Männer einen Patienten in ihre Mitte nehmen, ihm die Hände auflegen und für ihn beten, nachdem sie ihm erklärt haben, dass er nur noch Wochen zu leben hat.

Liebe kann sehr unglamourös aber trotzdem kraftvoll sein. Und selbst wer an den Rollstuhl gefesselt ist, kann sich aktiv einbringen.

Love is far from glamorous, but it’s powerful. And even if you’re wheelchair-bound, you can put your faith into action.

Liebe kann sehr unglamourös aber trotzdem kraftvoll sein. Und selbst wer an den Rollstuhl gefesselt ist, kann sich aktiv einbringen.

“Es gibt zwei Arten von Menschen, die von der Straße hier hin kommen” erklärt mir ein Mitarbeiter kurz nachdem ich angekommen bin. “Der eine wird laut und wütend sein und die ganze Zeit fluchen. Der andere wird still sein, mit keinem ein Wort wechseln. Aber mit der Zeit wird der laute Patient ruhig werden. Und der stille Patient wird beginnen sich zu öffnen und anfangen zu sprechen.”

Kraft

Wahre Liebe ist kraftvoll und ihre Auswirkungen sind überall zu spüren. Liebe durchbricht die Schichten, reißt die verhärteten Mauern aus Zorn und Selbstverteidigung ein. Und bildet die Grundlage für Würde, ermöglicht Menschen zu einem erneuerten Sinn für den eigenen Wert.

Im Sewa Ashram werden Menschen von dieser Kraft der Liebe verändert. Es ist sicher schwer, aber göttlich.

Über Stephen Crane

Stephen Crane arbeitet seit vielen Jahren für die Organisation "World Next Door". Er hat einen Bachelor-Abschluss in Theologie und einen Master in Journalismus. Er ist begeistert von inspirierenden Orten, die der breiten Öffentlichkeit noch unbekannt sind und wäre am liebsten das ganze Jahr mit seinem Snowboard unterwegs, wenn er könnte.

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