Erlebnisse unserer Volontärin Sharlene

15. Dezember 2010 0
Veröffentlicht in: Lebensgeschichten

Als wir endlich im Krankenhaus ankamen, ging ich erst mal los, um allen Frühstück zu holen. Da saß ein bettelndes kleines Mädchen, also kaufte ich ihr auch ein Frühstück und sie war glücklich.

Wir gingen zu unserer OPD (Ambulanz), und als ich die Tür öffnete, sah ich um die 150 Patienten, die alle warteten, um nur einen Doktor zu sehen…! Sie ließen uns ohne zu warten ins Behandlungszimmer, aber die anderen Patienten fingen an, wütend zu schreien. Wir wurden erst einmal durch das ganze Krankenhaus geschickt für diverse Bluttests und Röntgenaufnahmen und ich musste meine Patienten, die kaum laufen können, quer durchs Krankenhaus schleppen, da es keine freien Rollstühle mehr gab.

Es war ein total verrückter Morgen, jeder dort außer mir trug eine Maske, wegen der Schweinegrippe, und nach stundenlangem Hin und Her ging ich nach draußen, nur um eine völlig nackte, verletzte Frau zu finden. Die Leute liefen einfach an ihr vorbei und beachteten sie nicht. Ich sprach sie an, und fand irgendwie heraus, dass sie 35 Jahre alt ist, von ihrem Mann verlassen wurde und von ihrer Schwägerin einfach ohne Geld in Delhi abgesetzt wurde. Sie hatte einen Unfall und verletzte sich ihren Fuß, aber das Krankenhaus würde ihr nicht helfen. Sie saß seit einer Woche an derselben Stelle, ohne Essen und ohne Kleidung. Hunderte von Menschen gingen täglich an ihr vorbei, aber als ich mit ihr zu reden begann, wurden wir plötzlich von einer riesigen Menschenmenge umzingelt. Es ist erstaunlich wie viele Leute zusehen, wenn jemand hilft! Wir besorgten ihr was zum Anziehen und sagten ihr, wir würden sie später mit in den Ashram nehmen.

Plötzlich tauchen von überall her Patienten auf, die mir ihre Wunden und fehlenden Gliedmaßen zeigen und folgen uns, bettelnd sie doch auch mitzunehmen. Da sehe ich einen anderen Mann, voller Kot und Fliegen, der auch vor dem Krankenhaus abgeladen wurde. Er hat eine riesige Wunde auf seiner Stirn und wir entscheiden uns, ihn auch mitzunehmen.

In der Zwischenzeit, saß Jun Jun, ein weiterer Patient seit 5 Stunden im Auto. Mit ihm wollte ich eigentlich noch in ein anderes Krankenhaus, um eine Prothese für ihn zu bekommen. Es ist aber bereits 19 Uhr, und die anderen Patienten, warten im Krankenhaus, wo sich überhaupt nichts tut. In der chirurgischen Ambulanz scheint sich keiner zu interessieren für einen Patienten, dessen Hodensack so groß wie ein Basketball ist, und der kein Wasser lassen kann. Genauso wenig für einen Patienten mit einer riesigen Infektion im Bein, der kaum laufen kann und ebenfalls kein Wasser lassen kann und auch nicht für den dritten Patienten, der wahrscheinlich ein Bein verlieren wird, da seine Venen in solch einem üblen Zustand sind. Sie sagen mir einfach, dass ich nächste Woche wiederkommen soll!

Also packe ich alle Patienten ein, inklusive der Frau, die vor dem Krankenhaus auf uns wartet und total glücklich ist, mitkommen zu können. Der Mann mit der Stirnwunde, wehrt sich mitzukommen, und meint es sei alles gut für ihn so wie es ist, also lassen wir ihn zurück.

Auf der Rückfahrt ist direkt vor uns ein krasser Motorradunfall. Ein Typ schlittert auf seinem Motorrad über die gesamte Straße und den anderen haut es von seiner Maschine. Ich mache die Sirene unseres Krankenwagens an und halte an, um zu helfen. Glücklicherweise sind alle okay, also setzen wir sie einfach nur in eine Rikscha zum nächsten Krankenhaus.

Endlich kommen wir heim. Ich dusche die Frau und entdecke dabei, dass sie komplett verlaust ist, und ihre Wunde voll wuselnder Maden ist. Wir rasieren ihren Kopf, verbinden ihre Wunde und legen sie in ein sauberes Bett für die Nacht. Was für ein Tag! Der Fuß der Frau war komplett zerstört, kaum mehr gesundes Gewebe, der Gestank war abartig, hunderte von Maden kamen heraus. Unglaublich wie eine Frau einfach so vor einem Krankenhaus zurückgelassen werden konnte!

Letztendlich musste ihr Bein ein Stück weit amputiert werden. Sie hat nie geklagt oder geweint seit sie zu uns kam. So zerbrochen und so traurig wie sie ist. Es ist frustrierend jemanden in solch großer Not zu sehen. Umso mehr liebe ich, dass wir in dieser Arbeit die Menschen an einen so sicheren und wunderbaren Ort bringen können! Das ist ein wirkliches Privileg.

Sharlene ist eine Krankenschwester, die mit ihrem Mann Scott (übrigens der Bruder von Tony Woolston, der jahrelang das Rescue Center im Jamuna Bazaar leitete) und mit ihren drei Kindern George (6 Jahre), Oscar (4 Jahre) und Luca (2 Jahre) im Mai 2009 nach einem 6 monatigen Aufenthalt in Delhi nach Neuseeland zurückkehrten. Hier ein Auszug aus einem ihrer Blogs, der beschreibt, wie Sharlene mit einigen Patienten ein Krankenhaus in Delhi besucht.

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